Stolz auf Brasilianisch – erfolgreiche brasilianische Biografien

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Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg – erfolgreiche brasilianische Biografien in Deutschland
Jedes Jahr lassen sich mehr Brasilianer in Deutschland nieder, um hier zu leben und zu arbeiten. Einigen von ihnen gelingt es, nach geraumer Zeit und durch Integration in die deutsche Gesellschaft, wichtige Positionen auf dem lokalen Arbeitsmarkt zu erobern – oder selbst zum Unternehmer zu werden. In einer stark konkurrenzgeprägten Umgebung, in der berufliche Qualifikation und Fortbildung immer wichtiger werden, gibt es Brasilianer, die beweisen, dass Kompetenz keine Nationalität bedingt und dass dem Talent und dem Willen desjenigen, der mit Ausdauer und Strategie seine Ziele verfolgt, nichts im Wege steht.
von Bianca Donatangelo
übersetzt von Ulrike Göldner

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Die ersten Etappen – das Erlernen und Beherrschen der deutschen Sprache oder zumindest des Englischen (so gut, um in Jobinterviews und Meetings zu überzeugen), die Anerkennung von Abschlüssen (im Fall von bereits qualifizierten Einwanderern), eventuell eine Aus- oder Weiterbildung (manchmal in einer neuen Branche) und die Anpassung an lokale Gewohnheiten wie Pünktlichkeit, eine sachliche Kommunikation und den vergleichsweise distanzierten Umgang – sind alles andere als einfach. Einmal berufstätig, bleiben die Herausforderungen weiterhin bestehen. In einer Anstellung muss die Brasilianerin oder der Brasilianer auf der Arbeit maximale Effizienz nachweisen; in der Selbstständigkeit kommt noch die Bewältigung der umfassenden Bürokratie dazu. In jedem Fall aber werden sie vor einer Unmenge an Papierkram und organisatorischen Anforderungen stehen. Davon abgesehen, müssen sie natürlich auch ihren Platz gegen die Konkurrenz verteidigen.

Ich erkannte rechtzeitig, dass es besser wäre, alles noch einmal zu machen.

Genau aus diesem Grund dauert die „Passage“ (also die berufliche Eingliederung und Entfaltung) in der Regel eine Weile. Das kann die in Darmstadt tätige Anwältin Laís Brandão Machado Malkmus bestätigen. Die Brasilianerin absolvierte, bevor sie nach Hessen kam, ein Jurastudium an der renommierten USP (Universität São Paulo). Um in ihrem Beruf in Deutschland tätig zu werden, sah sie jedoch keine andere Möglichkeit, als die gleiche Studienrichtung hierzulande noch einmal zu studieren. Betrachtet man die Zeit vom Beginn ihres zweiten Hochschulstudiums, über das obligatorische Referendariat bis hin zu den staatlichen Examina, so verbrachte Laís insgesamt neun Jahre damit, zusätzliches Wissen anzusammeln und sich ihrem Ziel intensiv zu widmen, bis sie Anfang 2003 ihr eigenes Büro eröffnen konnte. „Das Diplom eines Rechtsanwalts aus Brasilien wird hier nie anerkannt werden, weil er nun mal nicht deutsches Recht studiert hat“, sagt sie. „Als ich hierher kam, hätte ich mich dazu entschließen können, lediglich ein Masterstudium zu absolvieren (was ich später sogar tat). Aber damit wäre ich ‚nur’ eine brasilianische Juristin geblieben, mit sehr geringen Chancen, einmal mit einem deutschen Fall betraut zu werden. Ich erkannte also rechtzeitig, dass es besser wäre, alles noch einmal zu machen.“ Und das tat sie und zwar richtig. Sie erwarb die Berechtigung (und die Fähigkeit) zur Ausübung aller drei Berufszweige der Branche (Rechtsanwalt, Richter und Staatsanwalt) und wurde damit zu einer Expertin der Gesetze beider Länder – eine erfolgreiche Selbstständige im deutsch-brasilianischen Milieu. Aufgrund ihres erworbenen Know-hows und der langjährigen Erfahrungen verfügt sie heute über einen breiten Mandantenstamm. „Ein Drittel meiner Kunden sind Brasilianer, ein Drittel Deutsche und der Rest ist international“, lächelt sie.

Am Anfang kann Englisch durchaus reichen. Doch will man sich in der Firma beruflich entwickeln ist die deutsche Sprache fast eine Notwendigkeit

Ein weiteres Beispiel für eine gelungene Integration ist das Ehepaar Marcos und Andréa Huguenin Botelho. Sie leben in der deutschen Hauptstadt. Er ist Ingenieur bei Siemens; sie ist Pianistin, Dirigentin und nebenbei eine wahrhafte Kulturbotschafterin Brasiliens in Deutschland. Seit 2007 personifizieren beide die notwendige Flexibilität, die ausländische Profis hierzulande benötigen. Und sie geben Tipps. „Erstens: Wenn man in einem technischen Bereich wie der Elektrotechnik arbeitet, muss man zweifelsohne qualifiziert sein“, sagt Marcos kategorisch. „Dein Beruf muss hier anerkannt sein, damit Mitarbeiter und Führungskräfte sich darauf verlassen können, dass du alle Kenntnisse und Fähigkeiten besitzt, die die Arbeit verlangt. Ein weiterer Punkt ist die multikulturelle Sensibilität: Vor allem wir Latinos müssen unsere Denkweise und unseren Umgang mit den Kollegen etwas anpassen. Ich glaube nicht, dass wir unser Wesen ändern sollten, aber ich empfehle schon eine Anpassung in der Art des Interagierens und Handelns im Unternehmen.“

Geboren im brasilianischen Südosten, verrät Marcos, dass die Beherrschung der deutschen Sprache auf seinem Gebiet nicht unbedingt nötig ist – zumindest am Anfang kann Englisch durchaus ausreichen. „Doch will man sich in der Firma beruflich entwickeln und im professionellen Alltag positiv hervortun, ist die deutsche Sprache fast eine Notwendigkeit, eine starke Verbündete.“ Der Ingenieur verweist darauf, dass es für Ausländer generell schwieriger sei, in hohe Positionen der Geschäftsführung eines deutschen Unternehmens zu gelangen. „Vergleicht man beide Länder in Bezug auf die Löhne, sollte man das nur mit Vorsicht tun. Man muss nämlich gleichzeitig die unterschiedlichen Lebenshaltungskosten und Wechselkursschwankungen betrachten. Denn alles ist relativ.“ Er fügt außerdem hinzu: „Man sollte ebenso die lokalen Gepflogenheiten berücksichtigen. Beispielsweise muss man zu einer Sitzung immer pünktlich und gut vorbereitet erscheinen. Die Deutschen erwarten, dass man seinen Standpunkt effizient erklärt! Dafür braucht es Commitment und eine gewisse Disziplin.“

Der Erfolg kommt nicht über Nacht, sondern oft erst nach langer mühsamer Puzzlearbeit, die meist Jahre dauert.

Die fehlt seiner Frau Andréa bestimmt nicht. Die künstlerische Leiterin zweier Musikprojekte (des zweisprachigen Kinderchors „Curumins in Berlin“ sowie des „Brasil Ensemble Berlin“) ist gegenwärtig dabei, ein ehrgeiziges Sonderprogramm für Brasilianische Musik in der Musikschule City West ins Leben zu rufen. Das Konzept, das – grob gesagt – zwölf Spezialisierungsrichtungen in den Bereichen Instrumental, Gesang und Ensemble umfasst, bietet ab Mai 2016 Unterricht in Gesang, Gitarre, E-Bass, Cavaquinho und Klavier (alles mit brasilianischem Repertoire). Die Initiative ist beeindruckend, ist sie doch die Erste dieser Art an einer staatlichen Musikschule in Deutschland.

„Wir werden in der Überlieferung und im Unterrichten der brasilianischen Musik eine Vorreiterrolle einnehmen“, erklärt die unternehmerische „Carioca“. Doch, und auch das erwähnt sie, gäbe es „ohne Fleiß, keinen Preis“. Der Erfolg kommt schließlich nicht über Nacht, sondern oft erst nach langer mühsamer Puzzlearbeit, die meist Jahre dauert. Auch Andréa widmet sich der Musikerziehung und -pädagogik schon seit sie Brasilien vor zwei Jahrzehnten verlassen hat. „Eine kontinuierliche Qualifikation ist ausschlaggebend. Jemand, der Brasilien beruflich in irgendeiner Weise repräsentiert, offiziell oder nicht, sollte sich stets darüber bewusst sein, dass seine Persönlichkeit und seine Kompetenz eine wichtige Rolle dabei spielen, welches Bild sich sein Gegenüber von unserem Land, Brasilien, macht. Deswegen versuche ich mich immer weiterzuentwickeln, zum Beispiel durch tägliches Proben. Die brasilianische Kultur ist so vielfältig und sollte als eine der besten Visitenkarten unseres Landes mehr geschätzt werden. Ich bin eine Verfechterin dieser Sache, unserer Musik und Kultur, und ich versuche dieses Thema auch immer mit der gebotenen Wertschätzung darzustellen.“

Kein Wunder also, dass Andréa dieses neue Musikschulprogramm zur Referenz ausbauen will. Und zwar für alle, die sich dem intensiven Studium der brasilianischen Musik umfassender widmen möchten. „Von Pixinguinha bis hin zu Nepomuceno, von der populären zur klassischen Musik… Diese Initiative ist gleichsam ein weiterer Schritt in den kulturellen Beziehungen zwischen unseren beiden Nationen.“

Das ist gut so.

Ärmel hochkrempeln! Die Migrationsbeauftragte des Gewerkschaftsbundes Ver.di, Sonja Marko, verweist schon seit Jahren darauf, dass „das Einkommen von Ausländern im Allgemeinen niedriger als das der Deutschen sei“. Das ist aber kein Grund, untätig zu bleiben. Der deutsche Arbeitsmarkt ist immer noch attraktiv und investiert vermehrt in die Diversifizierung, sodass es hier für engagierte Menschen zahlreiche Chancen, Wege und Möglichkeiten gibt. Deshalb sollte man sich bewegen. und selbst die Initiative ergreifen, sei es um seinen Lebenslauf oder seinen Business-Plan vorzubereiten.

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe Nr. 57 der Zeitschrift La Guia de Frankfurt/RheinMain erschienen.
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