Am eigenen Leib erfahren: 46jährige aus São Paulo- Brasilien

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Integration: Wie sieht sie aus im realen Leben?
Das folgende Portrait zweier Brasilianerinnen beschäftigt sich mit der Herausforderung, die das wirkliche Ankommen und das sich Anpassen in Deutschland darstellt. Neben den kulturellen Unterschieden beleuchtet es einige Nachteile aber auch Vorteile des Lebens als Ausländer in diesem Land.

Zwei Frauen, zwei Wege, aber ein Ziel: Berlin. Der Unterschied: Die eine zog bereits im Jahr 1999 hierher, die andere 2014, also 15 Jahre später. Durch die Aussagen beider erhält der Integrationsprozess realistische Züge und es stellt sich die Frage: Inwieweit sind und wie lange bleiben die hiesigen Brasilianer echt brasilianisch?

1. 46jährige aus São Paulo- Brasilien

Die 46jährige aus São Paulo (im Südosten Brasiliens) ist mit einem Deutschen verheiratet und hat Zwillingstöchter (10 Jahre alt). Sie ist diplomierte Journalistin und freie Übersetzerin. Darüber hinaus arbeitet sie in der Verwaltung eines Berliner Kindergartens. Seit 16 Jahren lebt sie in Deutschland.
– Wie sind Sie nach Deutschland gekommen?
Ich besuchte Berlin schon drei oder viermal, bevor ich im Jahr 1999 endgültig hierher zog. Wir hatten einen Freund hier, der auch in Brasilien gelebt hatte und deswegen Portugiesisch lernen musste. In gewisser Weise habe ich die Umwandlung Berlins miterlebt. Ich sah noch die getrennte Stadt – einmal farbig, einmal schwarz-weiß – die heute so nicht mehr existiert… Doch dann erlebte ich in Brasilien ein persönliches Drama. Ich war erst 30, als mein Partner an Krebs verstarb. Wir waren seit der Uni-Zeit zusammen, ein ganzes Jahrzehnt. Seine Krankheit war schrecklich für mich und sein Tod bedeutete einen Wendepunkt in meinem Leben. Unser Freund aus Deutschland kam damals nach Brasilien, um mir Kraft und Unterstützung zu geben. Am Ende haben wir uns ineinander verliebt. Obwohl er sehr schüchtern war, wie fast jeder Deutsche, erzählte er mir damals, dass seine Intuition ihm gesagt hatte, er solle mich dort abholen.
– Was war für Sie, in Ihrem Integrationsprozess, am Wichtigsten?
Als ich mit 30 hierher kam, war Berlin mir ja bereits bekannt. Ich wollte aber nicht für immer bleiben. Ich hatte schließlich gute Aufträge als Journalistin in Brasilien und verdiente gut. Trotzdem wollte ich all dies verlassen, weil die Idee, wieder neu anzufangen, mich faszinierte.
Zu Beginn traf ich selten Leute, die Englisch sprachen. Es dauerte fast eineinhalb Jahre, bis ich mich auf Deutsch korrekt und zufriedenstellend ausdrücken konnte. Danach, auch wenn ich mich falsch ausdrückte, habe ich einfach weiter gesprochen. Die Familie meines Mannes empfing mich sehr herzlich und half mir sehr. Ich dachte am Anfang, alles sei toll, doch ich merkte auch bald, dass die Menschen hier anders sind als meine Landsleute. Ich erinnere mich, dass ich einmal in der Bäckerei Kuchen kaufen wollte… ich bestellte mehrere Stücke. Irgendwann war der Pappteller zu klein und die Frau sagte zu mir in einem aggressiven Tonfall: „Mehr passt hier nicht drauf.“ Mehr nicht. Zu dieser Zeit bedrückten mich Situationen wie diese sehr. Ich hatte Depressionen und erholte mich trotz fehlender professioneller Unterstützung, ohne Therapie und ohne Medikamente davon, aber leicht war es nicht. Mein Mann war wunderbar zu mir, seine Familie ebenfalls, und das war das Wichtigste. Er erklärte mir alles, ermutigte mich, raus zu gehen, zeigte mir jede Ecke Berlins, alle Stadtteile… So lebte ich drei Jahre lang mit dem Gefühl, noch Touristin zu sein. Ich vermisste Brasilien nicht und ich fühlte mich hier willkommen.
– Wie sieht Ihr Alltag heute aus?
Also, ich bin schon seit 16 Jahren in Berlin und kann nur eines sagen: im Laufe der Zeit wurde das Leben hier für mich immer schwieriger. Denn, nachdem du dieses Tourismusgefühl verlierst, muss man sein Leben in die Hand nehmen, alles organisieren. Und man fängt auch damit an, die kulturellen Unterschiede viel besser wahrzunehmen als vorher. Es gibt Eigenarten, die ich an den Deutschen verachte – zum Beispiel, unfreundlich zu sein. Oder dass ich, wie auf meiner Arbeit, wo ich seit Jahren mit den gleichen Personen zusammenarbeite und manchmal sogar in lockerer Runde an einem Tisch sitze, immer noch mit „Sie“ angeredet werde. Dieser Abstand, diese Angst, sich nah zu kommen –das finde ich krass. Und, natürlich, die schlechte Laune der Deutschen, diese Art zu sprechen. Das braucht es echt nicht.

– Was bedeutet Integration für Sie?
Erstaunlicherweise kann ich nicht sagen, inwieweit ich deutsch geworden bin. Ich glaube, ich bin immer noch die gleiche Brasilianerin wie vorher, ich habe kein Stück meiner „Brasilianidade“ verloren. Ich bilde mir das ein, vor allem nachdem meine Töchter geboren wurden. Ich fing an, wieder mehr Portugiesisch zu sprechen, mit ihnen brasilianische Lieder zu singen, und wollte ihnen unbedingt meine Kultur weitergeben. Die Art zu sprechen, die Art zu laufen… sie machen es übrigens langsam schon so wie ich. Das freut mich. Ich bin auf jeden Fall die gleiche Brasilianerin wie vorher. Aber natürlich treten einzelne Nuancen im Laufe der Zeit stärker hervor. Wenn sich zum Beispiel eine deutsche Person neben mir so „echt deutsch“ verhält, dann verspüre ich deutlich das Gefühl in mir, das sagt, nein, so bin ich nicht! Das ist ein Vorteil. Ich bin immer noch 100% Brasilianerin. Und ich merke das, wenn ich unter Brasilianern bin.
Ich fühle mich trotzdem integriert, hier ist meine zweite Heimat. Mein Mann ist Deutscher, meine Töchter sind Deutsche. Die Sprache ist übrigens ein Schlüsselfaktor für die Integration. Diejenigen, die nicht gut Deutsch sprechen, haben Schwierigkeiten, sich an das Leben hier zu gewöhnen. Eine weitere Bedingung für die Anpassung ist, die hiesige Kultur zu verstehen, zu akzeptieren und zu respektieren. Zu wissen, was die Deutschen gut können und was eben nicht so gut.
Aber auch wenn einige Punkte nicht optimal für Brasilianer zu sein scheinen, fühle ich mich in Deutschland integriert, weil ich hier viele Menschen und die Kultur mag. Ein Weltbürger zu sein heißt schließlich, man akzeptiert mit Offenheit, dass es Menschen gibt, die anders sind, anders denken und leben. Für diejenigen, die nur für kurze Zeit das Land verlassen oder viel reisen, genügt es, Deutschland mit den neugierigen Augen eines Touristen zu sehen. Diejenigen aber, die ihren Lebensmittelpunkt hierher verlegen, müssen sich selbst erziehen, demütig sein und die anderen annehmen, wie sie sind. Schließlich ist kein Volk auf dieser Welt perfekt. Nicht einmal die Brasilianer.

– Wo lebt man besser?
Ganz persönlich betrachtet, lebe ich besser in Berlin. Aber in Bezug auf meinen Beruf gesehen, würde ich in São Paulo besser leben, denn dort hatte ich eine Karriere. Hier konnte ich nicht wirklich auf den Arbeitsmarkt zurückkehren und als Journalistin arbeiten, vor allem, nachdem die Kinder geboren wurden. Nicht in der Lage zu sein, vom eigenen Beruf zu leben, frustrierte mich lange Zeit, ebenso die Suche nach der Antwort auf die Frage „Wer bin ich eigentlich?“. Ich lebe zwar in Deutschland, doch ich werde immer eine Ausländerin bleiben. Diese Empfindung habe ich zwar heute für mich angenommen und es ist in Ordnung so für mich, doch ich glaube, dass sie nicht verblassen wird, denn ich kann mich hier beruflich nicht finden. Aber ich fühle mich integriert – ohne jedoch die Illusion in meinem Kopf zu nähren, dass ich Teil dieser Kultur bin. Das bin ich nicht. Ich weiß, dass wir sehr unterschiedlich sind.

– Was, denken Sie, ist anders bei den Deutschen und in Deutschland?
Ich bewundere vieles an der deutschen Kultur, zum Beispiel, die Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit der Deutschen. Sie sagen dir etwas direkt ins Gesicht und das ist die absolute Wahrheit. Es findet sich eine gewisse Naivität in ihnen, sie sind nicht so arglistig wie die Brasilianer. Sie sind sehr transparent. Ich erinnere mich, dass einmal zu Weihnachten meine deutsche Schwiegermutter ein Geschenk an meine Schwägerin überreichte. Diese öffnete das Päckchen und sagte „Oh, Dankeschön, aber das gefällt mir nicht.“ Das Verrückte daran war, dass meine Schwiegermutter es gut fand, denn so konnte sie das Geschenk umtauschen oder jemand anderem geben. Währenddessen dachte ich nur: „Ich werde meiner Schwägerin niemals irgendwas schenken.“ Apropos, ich habe eine Abneigung gegen Weihnachten hier. Es ist so anders. Hier feiert man so traditionell: Man muss singen, an jedem Advent etwas veranstalten oder unternehmen… Ich mag das nicht. Seit einigen Jahren bin ich das schwarze Schaf der Familie in diesem Punkt. Am Anfang nahm ich noch an allem teil, aber dann, irgendwann, konnte ich es einfach nicht mehr ertragen. Also sage ich: „Sorry, Leute, ich bin Brasilianerin, ich kenne das so nicht.“
– Was vermissen Sie aus Brasilien?
Ich vermisse das Tageslicht aus Brasilien. Ich vermisse die brasilianische Art – wegen der Kälte sind die Menschen hier viel verschlossener. Darüber hinaus fehlen mir auch einige Lebensmittel: nach drei Monaten Aufenthalt fing ich schon an, Bohnen in allen Geschäften und Märkten Berlins zu suchen. Denn dieser Haufen an Kartoffeln brachte mich langsam zur Verzweiflung. Ich begann auch zu kochen (eigentlich nur hier, in Deutschland) und mochte das so sehr, dass ich bald vegetarische Kochkurse in einer Volkshochschule gegeben habe – natürlich immer mit dem brasilianischen Geschmack, also mit brasilianischen Gewürzen und Zutaten. In Bezug auf Freundschaften denke ich, man kann die aus Brasilien und die neuen Freunde hier in Deutschland nicht vergleichen. Zweifellos hatte ich das Glück, von Beginn an tolle Deutsche kennenzulernen. Und diese Menschen sind wirklich wichtig für mich geworden. Doch erst in den letzten drei Jahren konnte ich mir hier auch einen stabilen brasilianischen Freundeskreis aufbauen.
– Und andersherum? Was hat Deutschland, das Brasilien nicht hat?
Eine soziale und urbane Sicherheit. Die Gewissheit, dass du, nur wenn du es willst, auf der Straße leben wirst. Mir gefallen auch das Flair der Stadt, die architektonische Harmonie und die sauberen Straßen. Hier gibt es keine Slums und weniger soziale Ungleichheit. Ich finde es erstaunlich, dass meine Töchter in eine Privatschule gehen, die ich entsprechend meinem Einkommen bezahle. Das ist echte Gleichheit.

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